Eine kleine Studie aus Japan liefert interessante Hinweise darauf, dass der Duft von Hinoki-Wurzeln den Schlaf beeinflussen könnte. Frauen, die das ätherische Öl über zwei Wochen in ihrem Schlafzimmer verwendeten, wachten nachts seltener auf und fühlten sich morgens weniger müde. Auch die Gehirnaktivität beim Einschlafen veränderte sich. Die Ergebnisse sind interessant – müssen wegen der sehr kleinen Teilnehmerzahl aber noch in größeren Studien bestätigt werden. Die Ergebnisse wurden im Journal of Wood Science veröffentlicht.
Wenn der Schlaf nicht mehr so selbstverständlich ist
Schlafprobleme können in der Lebensmitte häufiger werden. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle: berufliche Belastungen, familiäre Verpflichtungen, Veränderungen des Tagesrhythmus, Stress oder körperliche Veränderungen. Schlaf ist kein Zustand, in dem das Gehirn einfach abgeschaltet wird. Während der Nacht verändert sich die Aktivität des Nervensystems fortlaufend. Der Körper durchläuft verschiedene Schlafstadien, die sich in einem bestimmten Rhythmus wiederholen. Auch die Reaktion auf Geräusche, Licht, Gerüche und andere Umweltreize verändert sich im Laufe der Nacht. Gerade deshalb beschäftigt die Schlafforschung zunehmend die Frage, wie die Umgebung im Schlafzimmer den Schlaf beeinflusst.

Das ist für die Schlafforschung durchaus relevant. Denn Schlaf unter Laborbedingungen ist nicht zwangsläufig derselbe Schlaf wie zu Hause. Im eigenen Bett wirken alltägliche Gewohnheiten, Raumtemperatur, Geräusche, Licht und der persönliche Tagesablauf auf die Nachtruhe ein. Die Forscher entschieden sich deshalb für einen Versuch, der möglichst nah am normalen Alltag der Teilnehmerinnen stattfinden sollte.
Was Hinoki so besonders macht
Hinoki ist eine in Japan verbreitete Zypressenart und wird traditionell unter anderem als hochwertiges Nutzholz verwendet. Bei der Holzernte bleiben allerdings Teile des Baumes, darunter Wurzeln, häufig ungenutzt zurück. Gerade diese Wurzeln enthalten aromatische Verbindungen, aus denen sich ätherische Öle gewinnen lassen. Bisher wurde wissenschaftlich stärker untersucht, welche Eigenschaften ätherische Öle aus Blättern und Zweigen von Hinoki besitzen. Das Öl aus den Wurzeln ist dagegen wesentlich weniger erforscht.
Die aktuelle Untersuchung verfolgt deshalb zwei unterschiedliche Ziele: Zum einen wollten die Wissenschaftler herausfinden, ob sich aus den bisher wenig genutzten Wurzeln ein wertvolles Produkt gewinnen lässt. Zum anderen ging es um die Frage, ob die darin enthaltenen Duftstoffe möglicherweise den Schlaf beeinflussen können.
Ein Experiment direkt im Schlafzimmer
An der Pilotstudie nahmen 12 japanische Frauen zwischen 35 und 60 Jahren teil. Das Durchschnittsalter lag bei etwa 46 Jahren. Die Untersuchung wurde als einfach verblindete Crossover-Studie durchgeführt. Jede Teilnehmerin verwendete dabei sowohl das Hinoki-Wurzelöl als auch ein geruchloses Kontrollprodukt. Beide Bedingungen dauerten jeweils zwei Wochen. Vor dem Schlafengehen gaben die Teilnehmerinnen drei Tropfen des jeweiligen Produkts in einen kleinen Pappbecher. Anschließend atmeten sie den Duft zehn Sekunden lang ein. Danach wurde der Becher ungefähr 30 Zentimeter vom Kopf entfernt aufgestellt und blieb während der Nacht dort. Als Kontrolle diente Squalanöl ohne Duft.
Der Versuchsaufbau war damit bewusst einfach. Die Forscher wollten gerade nicht untersuchen, wie sich eine intensive Aromatherapie unter kontrollierten Laborbedingungen auswirkt. Stattdessen sollte getestet werden, ob sich ein möglicher Effekt auch bei einer unkomplizierten Anwendung im eigenen Schlafzimmer zeigt. Interessant ist, dass die Wissenschaftler nicht ausschließlich auf die subjektive Einschätzung der Teilnehmerinnen vertrauten. Zum Einsatz kamen drei unterschiedliche Methoden. Die Gehirnaktivität wurde mithilfe eines EEG-Stirnbands aufgezeichnet. Zusätzlich überwachten Smartwatches verschiedene Schlafparameter. Jeden Morgen beantworteten die Frauen außerdem einen Fragebogen zu ihrem Schlaf und ihrem Befinden nach dem Aufwachen.
Damit konnten die Forscher subjektive Wahrnehmungen mit physiologischen Messungen kombinieren. Gerade bei Schlafstudien ist das wichtig. Ein Mensch kann beispielsweise den Eindruck haben, schlecht geschlafen zu haben, obwohl bestimmte objektive Schlafparameter kaum verändert sind – oder umgekehrt. Die Kombination verschiedener Messmethoden kann deshalb ein differenzierteres Bild liefern.
Nach einer Woche veränderte sich die Gehirnaktivität, nach fast zwei Wochen wachten die Frauen seltener auf
Eine der interessantesten Beobachtungen zeigte sich bereits nach sieben Tagen. Bei den Teilnehmerinnen nahm unter der Hinoki-Bedingung die Delta-Wellen-Aktivität während der frühen Schlafphase zu. Delta-Aktivität ist vor allem mit langsameren Hirnwellen während des Tiefschlafs verbunden. Die Forscher interpretieren die beobachtete Veränderung als Hinweis darauf, dass der Übergang in tiefere Schlafstadien durch den Duft unterstützt werden könnte.

Am 13. Tag der Anwendung registrierten die Smartwatches weniger Aufwachereignisse während der Nacht. Gleichzeitig berichteten die Teilnehmerinnen, dass sie sich beim Aufwachen weniger schläfrig fühlten und sich besser von Müdigkeit erholt hatten als während der Kontrollphase. Damit ergab sich ein interessantes zeitliches Muster: Nach etwa einer Woche zeigte sich eine Veränderung der Gehirnaktivität beim Einschlafen. Nach knapp zwei Wochen fanden sich zusätzlich Hinweise auf weniger nächtliche Aufwachphasen und ein besseres subjektives Befinden am Morgen. Ob tatsächlich eine längerfristige Anpassung des Schlafsystems stattfindet, lässt sich daraus allerdings noch nicht ableiten. Dafür wäre eine deutlich größere und längere Untersuchung notwendig.
Was die Studie über Schlaf zu Hause zeigt
Auch die Wahrnehmung des Geruchs wurde untersucht. Das Hinoki-Aroma wurde von den Teilnehmerinnen im Vergleich zur Kontrollbedingung unter anderem als entspannender, angenehmer, sympathischer, eleganter, nostalgischer und stärker nach Holz duftend bewertet. Dieser Punkt ist nicht nebensächlich. Gerüche können eng mit Emotionen, Erinnerungen und dem subjektiven Entspannungsempfinden verbunden sein. Deshalb ist durchaus denkbar, dass nicht nur einzelne chemische Bestandteile des ätherischen Öls eine Rolle spielen, sondern auch die psychologische Wirkung des angenehmen Duftes. Die Studie kann allerdings nicht eindeutig feststellen, welcher Mechanismus für die beobachteten Veränderungen verantwortlich ist.
Die Forscher analysierten auch die flüchtigen Bestandteile des ätherischen Öls. Zu den häufigsten nachgewiesenen Verbindungen gehörten α-Pinen, δ-Cadinen, γ-Cadinen, Limonen und α-Muurolen. Diese chemische Zusammensetzung ist interessant, weil ätherische Öle keine einzelnen Wirkstoffe im klassischen Sinne sind, sondern komplexe Gemische verschiedener flüchtiger Verbindungen. Damit stellt sich für die weitere Forschung eine wichtige Frage: Ist es tatsächlich das gesamte Duftprofil des Hinoki-Öls, das die beobachteten Effekte hervorruft – oder sind einzelne Bestandteile dafür verantwortlich? Die aktuelle Studie kann diese Frage noch nicht beantworten.
Eine Stärke der Untersuchung liegt gerade in ihrer alltagsnahen Durchführung. Die Teilnehmerinnen mussten keine spezielle Schlafumgebung aufsuchen. Sie verwendeten das Öl in ihren eigenen Schlafzimmern und führten ihren normalen Alltag weiter. Damit nähert sich die Untersuchung einer Frage an, die für viele Menschen relevanter ist als ein perfekter Laborversuch:Kann ein relativ einfacher Reiz aus der Schlafumgebung die nächtliche Erholung beeinflussen? Die Ergebnisse sprechen dafür, dass diese Möglichkeit zumindest weiter untersucht werden sollte. Allerdings sollte man aus einer kleinen Pilotstudie keine allgemeine Empfehlung ableiten. Mit nur zwölf Teilnehmerinnen ist die Untersuchung zu klein, um zuverlässig festzustellen, ob der Effekt auch bei anderen Altersgruppen, bei Männern oder bei Menschen mit diagnostizierten Schlafstörungen auftritt.
Noch kein Beweis für eine wirksame Schlaftherapie, aber ein interessanter Ansatz für die Schlafforschung
Das ist der wichtigste Vorbehalt. Die Studie zeigt interessante Zusammenhänge, aber sie beweist noch nicht, dass Hinoki-Öl eine Schlafstörung behandeln kann. Dafür bräuchte es größere randomisierte Studien mit deutlich mehr Teilnehmern. Außerdem müsste untersucht werden, ob die beobachteten Effekte über längere Zeit bestehen bleiben und ob sie bei Menschen mit unterschiedlichen Formen von Schlafproblemen ebenfalls auftreten. Auch die optimale Konzentration und Anwendung ist noch nicht geklärt. Die Untersuchung verwendete einen ganz bestimmten Versuchsaufbau mit drei Tropfen Öl und einem definierten Abstand zum Kopf. Daraus lässt sich nicht automatisch ableiten, dass mehr Öl stärker wirkt oder dass andere Hinoki-Produkte denselben Effekt besitzen.
Trotz dieser Einschränkungen ist die Untersuchung aus chronobiologischer Sicht interessant. Sie zeigt, dass die Schlafumgebung nicht nur durch Licht, Geräusche oder Temperatur beeinflusst werden könnte. Auch Gerüche könnten eine Rolle spielen – insbesondere dann, wenn sie wiederholt mit der abendlichen Ruhephase verbunden werden. Das passt zu einem grundlegenden Prinzip der Schlafregulation: Der Körper verarbeitet während des gesamten Tages Informationen aus seiner Umgebung. Licht ist dabei der wichtigste Zeitgeber für die circadiane Uhr. Aber auch andere Umweltreize können mit bestimmten Tageszeiten, Verhaltensweisen und Zuständen verknüpft werden. Ein vertrauter, angenehmer Duft könnte beispielsweise Bestandteil eines wiederkehrenden Abendrituals werden. Ob dabei tatsächlich die biologische Schlafregulation verändert wird oder vor allem das subjektive Entspannungsempfinden, muss die Forschung noch genauer klären.
Was jetzt noch geklärt werden muss
Die Studie hat noch eine zweite Dimension. Die Wurzeln der Hinoki-Bäume werden nach der Holzernte häufig nicht vollständig genutzt. Die Gewinnung ätherischer Öle könnte deshalb eine Möglichkeit darstellen, aus diesem bisher wenig genutzten Material ein zusätzliches Produkt zu entwickeln. Sollten sich die schlafbezogenen Ergebnisse in größeren Untersuchungen bestätigen, könnten daraus beispielsweise Duftprodukte für Schlafzimmer oder andere Entspannungsbereiche entstehen. Für die Forscher ist die Untersuchung deshalb nicht nur eine Schlafstudie, sondern auch ein Beispiel dafür, wie forstwirtschaftliche Reststoffe einer neuen Verwendung zugeführt werden könnten.
Die Ergebnisse sind interessant, aber sie sind vor allem ein Ausgangspunkt für weitere Forschung. Offen ist unter anderem:
- Welche einzelnen Duftstoffe für die beobachteten Effekte verantwortlich sein könnten.
- Ob der Effekt auch bei Männern und anderen Altersgruppen auftritt.
- Ob Menschen mit chronischen Schlafproblemen ähnlich reagieren.
- Wie lange eine Anwendung notwendig ist, bevor Veränderungen auftreten.
- Ob die Effekte nach Beendigung der Anwendung bestehen bleiben.
- Welche Konzentration des Öls sinnvoll und sicher ist.
- Ob die Wirkung tatsächlich auf eine Veränderung der Schlafarchitektur zurückgeht oder teilweise durch Entspannung und Erwartung beeinflusst wird.
Besonders wichtig wird deshalb sein, die Ergebnisse mit größeren Teilnehmergruppen und objektiveren Schlafmessungen zu überprüfen.
Ein interessanter Duft – aber noch kein Schlafmittel
Die japanische Pilotstudie liefert mehrere Hinweise darauf, dass Hinoki-Wurzelöl die Schlafqualität beeinflussen könnte. Weniger nächtliche Aufwachereignisse, ein verändertes Muster der Delta-Aktivität beim Einschlafen und ein besseres subjektives Befinden am Morgen ergeben ein interessantes Gesamtbild. Noch lässt sich daraus aber keine Empfehlung für die Behandlung von Schlafstörungen ableiten. Die eigentliche Bedeutung der Studie liegt zunächst darin, dass sie zeigt, wie stark die unmittelbare Schlafumgebung möglicherweise auf die nächtliche Erholung einwirken kann. Der Duft einer japanischen Zypresse könnte dabei ein weiterer Umweltreiz sein, dessen Wirkung auf Schlaf und Entspannung künftig genauer untersucht wird. Für die Chronobiologie ist das besonders spannend: Schlaf findet nicht isoliert statt, sondern in ständiger Wechselwirkung mit der Umwelt.








