Die meisten Menschen kennen den Ratschlag, bei schwierigen Entscheidungen „eine Nacht darüber zu schlafen“. Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass dieser Ratschlag wissenschaftlich fundiert sein könnte. Während viele Menschen berichten, dass ihnen bahnbrechende Ideen im Traum gekommen sind, hatten Forscher bisher Schwierigkeiten, dieses Phänomen zu untersuchen, da Träume in einer Laborumgebung nur schwer zu kontrollieren sind.
Eine neue Studie von Neurowissenschaftlern der Northwestern University zeigt, dass es möglich ist, die Träume von Menschen zu beeinflussen. Die Ergebnisse stützen die Annahme, dass der REM-Schlaf, die Phase des Schlafes mit schnellen Augenbewegungen, in der lebhafte und manchmal klare Träume auftreten, besonders hilfreich für kreative Problemlösungen sein kann. Die Studie „Kreative Problemlösung nach experimenteller Auslösung von Träumen über ungelöste Rätsel während des REM-Schlafs” wurde am 5. Februar in der Fachzeitschrift „Neuroscience of Consciousness” veröffentlicht.
Was im Traum passiert
Im Traum passiert im Körper und im Gehirn sehr viel gleichzeitig, auch wenn wir äußerlich ruhig im Bett liegen. Besonders intensiv sind Träume in der sogenannten REM-Phase (Rapid Eye Movement) des Schlafs. In dieser Phase ist das Gehirn fast so aktiv wie im Wachzustand. Bereiche, die für Gefühle zuständig sind, wie die Amygdala, arbeiten besonders stark, weshalb Träume oft sehr emotional sind. Gleichzeitig ist der präfrontale Cortex, der für logisches Denken und Kontrolle verantwortlich ist, weniger aktiv. Das erklärt, warum Träume häufig unlogisch, sprunghaft oder surreal wirken, ohne dass uns das im Traum seltsam vorkommt.

Auch der Körper reagiert: Die Augen bewegen sich schnell unter den geschlossenen Lidern, Atmung und Herzschlag können unregelmäßig werden, und die Muskulatur ist fast vollständig entspannt oder sogar vorübergehend gelähmt. Diese Muskelhemmung schützt uns davor, Bewegungen aus dem Traum tatsächlich auszuführen. Obwohl sich Träume oft sehr real anfühlen, entstehen sie vollständig im Gehirn – durch das Zusammenspiel von Erinnerung, Emotion, Fantasie und innerer Aktivität während des Schlafs.
Träume mit akustischen Signalen formen
Die Forscher verwendeten eine Technik namens „Targeted Memory Reactivation” (TMR). Während des Schlafs spielten sie den Teilnehmern Geräusche vor, die sie an frühere Versuche erinnerten, bestimmte Rätsel zu lösen. Diese akustischen Signale wurden erst dann abgespielt, nachdem die Überwachung des Gehirns bestätigt hatte, dass die Teilnehmer schliefen. Infolgedessen berichteten 75 % der Teilnehmer von Träumen, die Elemente oder Ideen im Zusammenhang mit den ungelösten Rätseln enthielten. Rätsel, die in Träumen vorkamen, wurden viel häufiger gelöst als solche, die nicht vorkamen. Die Teilnehmer lösten 42 % der traumbezogenen Rätsel, verglichen mit 17 % der anderen.
Dennoch beweisen die Ergebnisse nicht, dass Träumen direkt zu besseren Lösungen führt. Andere Faktoren, wie z. B. eine gesteigerte Neugierde für bestimmte Rätsel, könnten sowohl das Träumen als auch die Leistung beeinflusst haben. Dennoch ist die erfolgreiche Steuerung von Trauminhalten ein wichtiger Fortschritt für das Verständnis, wie Schlaf kreatives Denken unterstützen kann.
„Viele Probleme in der heutigen Welt erfordern kreative Lösungen. Indem wir mehr darüber lernen, wie unser Gehirn kreativ denken, neu denken und kreative neue Ideen entwickeln kann, könnten wir der Lösung der Probleme, die wir lösen wollen, näher kommen, und Schlaf-Engineering könnte dabei helfen“, sagte der leitende Autor Ken Paller, James Padilla-Professor für Psychologie und Direktor des Programms für kognitive Neurowissenschaften am Weinberg College of Arts and Sciences der Northwestern University.
Einblick in das REM-Schlaf-Experiment
An der Studie nahmen 20 Probanden teil, die bereits Erfahrung mit luziden Träumen hatten, d. h. sie waren sich manchmal bewusst, dass sie träumten, während sie noch schliefen. Im Labor versuchte jede Person, eine Reihe von Denksportaufgaben zu lösen, wobei für jede Aufgabe drei Minuten Zeit zur Verfügung standen. Jede Aufgabe war mit einem eigenen charakteristischen Soundtrack unterlegt. Die meisten Aufgaben blieben aufgrund ihres Schwierigkeitsgrades ungelöst.
Anschließend verbrachten die Teilnehmer die Nacht im Labor, während die Forscher ihre Gehirnaktivität und andere physiologische Signale mittels Polysomnographie aufzeichneten. Während des REM-Schlafs spielten die Wissenschaftler die Soundtracks zu der Hälfte der ungelösten Rätsel ab, um diese Erinnerungen selektiv zu reaktivieren. Einige Teilnehmer verwendeten vorher vereinbarte Signale, wie bestimmte Ein- und Ausatmungsmuster, um anzuzeigen, dass sie die Geräusche gehört hatten und aktiv an den Rätseln in ihren Träumen arbeiteten.
Am nächsten Morgen beschrieben die Teilnehmer ihre Träume. Viele berichteten von Bildern oder Ideen, die mit den Rätseln in Verbindung standen. Bei 12 von 20 Teilnehmern bezogen sich die Träume häufiger auf die Rätsel, die mit akustischen Signalen verbunden waren, als auf Rätsel ohne Signale. Dieselben Teilnehmer lösten die reaktivierten Rätsel nach dem Aufwachen mit höherer Wahrscheinlichkeit und verbesserten ihre Erfolgsquote von 20 % auf 40 % – was signifikant war. Karen Konkoly, Hauptautorin der Studie und Postdoktorandin in Paller’s Cognitive Neuroscience Laboratory, sagte, eine der größten Überraschungen sei gewesen, wie stark die Hinweise die Träume beeinflussten, selbst wenn die Teilnehmer nicht klar waren.
„Selbst ohne Klarheit bat ein Träumer eine Traumfigur um Hilfe bei der Lösung des von uns vorgegebenen Rätsels. Ein anderer erhielt das Rätsel „Bäume” als Hinweis und wachte auf, während er davon träumte, durch einen Wald zu laufen. Eine weitere Träumerin erhielt ein Rätsel über Dschungel als Hinweis und wachte aus einem Traum auf, in dem sie im Dschungel fischte und über dieses Rätsel nachdachte”, sagte Konkoly. „Das waren faszinierende Beispiele, weil sie zeigten, wie Träumer Anweisungen befolgen können und dass Träume durch Geräusche während des Schlafs beeinflusst werden können, auch ohne Klarheit.“
Was dies für die Kreativität und psychische Gesundheit bedeutet

Der Grund dafür liegt vermutlich in der besonderen Arbeitsweise des Gehirns im REM-Schlaf: Es kombiniert gespeicherte Informationen freier und weniger streng logisch als im Wachzustand. Dadurch können neue, überraschende Ideen entstehen – ein Prozess, der für kreative Problemlösung entscheidend ist. Historisch gibt es viele Berichte von Künstlern und Wissenschaftlern, die Inspiration aus Träumen schöpften; die aktuellen neurowissenschaftlichen Befunde liefern nun experimentelle Hinweise darauf, dass dieser Effekt systematisch nutzbar sein könnte.
Das Team plant, mithilfe gezielter Methoden zur Reaktivierung des Gedächtnisses und interaktiver Träume weitere mögliche Funktionen des Träumens zu erforschen, darunter die Regulierung von Emotionen und umfassendere Lernprozesse. „Ich hoffe, dass diese Erkenntnisse uns zu fundierteren Schlussfolgerungen über die Funktionen des Träumens verhelfen“, sagte Konkoly. „Wenn Wissenschaftler definitiv sagen können, dass Träume für die Problemlösung, Kreativität und Emotionsregulation wichtig sind, werden die Menschen hoffentlich beginnen, Träume als Priorität für die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden ernst zu nehmen.“ Langfristig könnten solche Erkenntnisse praktische Anwendungen haben – etwa zur Förderung kreativer Prozesse, beim Lernen oder sogar in der Therapie, etwa um belastende Inhalte in Albträumen positiv zu beeinflussen. Allerdings betonen Forschende, dass die gezielte Traumsteuerung noch in den Anfängen steckt und ethische Fragen – etwa zum bewussten Eingriff in innere Erlebniswelten – sorgfältig diskutiert werden müssen.







