Eine neue Behandlungsmethode für obstruktive Schlafapnoe bietet Hoffnung für Menschen, die eine CPAP-Maske nicht vertragen. Das Medikament AD109 wird einmal täglich abends eingenommen und zielt nicht nur auf die Linderung der Symptome ab, sondern auch auf einen der zentralen Mechanismen der Erkrankung: den Verlust des Muskeltonus in den oberen Atemwegen während des Schlafs. Die Ergebnisse einer groß angelegten Phase-3-Studie zeigen signifikante Verbesserungen hinsichtlich Atemaussetzer und nächtlichem Sauerstoffmangel. Allerdings ist AD109 noch kein zugelassenes Medikament. Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) hat den Zulassungsantrag inzwischen zur Prüfung angenommen. Eine Entscheidung könnte im Jahr 2027 fallen.
Was passiert bei Schlafapnoe?
Die obstruktive Schlafapnoe– kurz OSA – ist eine der häufigsten schlafbezogenen Atemstörungen. Während des Schlafs entspannen sich die Muskeln im Rachen. Bei manchen Menschen reicht diese Entspannung aus, um eine erhebliche Verengung oder sogar einen vollständigen Verschluss der oberen Atemwege zu verursachen. Die Folge: Die Atmung stockt wiederholt.

Typische Anzeichen sind lautes Schnarchen, beobachtete Atempausen, erschrockenes Erwachen oder nach Luft ringen in der Nacht sowie ausgeprägte Tagesmüdigkeit. Auch Konzentrationsschwierigkeiten und morgendliche Kopfschmerzen können auftreten. Die American Academy of Sleep Medicine weist darauf hin, dass eine unbehandelte OSA die Gesundheit und Lebensqualität erheblich beeinträchtigen kann.
Warum ist der Sauerstoffmangel problematisch?
Schlafapnoe ist weit mehr als nur Schnarchen. Während einer Atemaussetzung verschließen sich die oberen Atemwege, sodass für kurze Zeit wenig oder gar keine Luft in die Lunge gelangt. Dadurch sinkt der Sauerstoffgehalt im Blut. Gleichzeitig steigt der Kohlendioxidgehalt an. Das Gehirn registriert die Veränderung der Atmung und löst ein kurzes Erwachen aus, um die Atemwege wieder zu öffnen. Die Betroffenen nehmen dies oft nicht wahr – dennoch wird ihr Schlaf immer wieder unterbrochen.
In schweren Fällen von Schlafapnoe kann sich dieser Vorgang Dutzende oder sogar Hunderte Male pro Nacht wiederholen. Der Körper gerät wiederholt in eine Art Alarmzustand: Herzfrequenz und Blutdruck können kurzzeitig ansteigen, die Stressreaktion wird aktiviert und die Blutgefäße werden belastet. Der ständige Zyklus aus Sauerstoffmangel und anschließender Normalisierung kann zudem Entzündungsprozesse und sogenannten oxidativen Stress begünstigen.
Langfristig ist eine unbehandelte OSA daher mit einem erhöhten Risiko für Bluthochdruck und verschiedene Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden. Zudem können die vielen kurzen Erwachungen einen erholsamen Schlaf beeinträchtigen. Infolgedessen fühlen sich die Betroffenen trotz scheinbar ausreichender Schlafdauer am nächsten Tag oft müde, unkonzentriert oder weniger leistungsfähig.
Deshalb geht es bei einer erfolgreichen Behandlung nicht nur darum, das Schnarchen zu reduzieren. Entscheidend ist, dass die Atemwege während des Schlafs so konstant wie möglich offen bleiben, die Anzahl der Atempausen sinkt und der Körper ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Genau aus diesem Grund sind bei der Bewertung neuer Therapien neben dem Apnoe-Hypopnoe-Index auch Messgrößen wie die Sauerstoffentsättigung und die sogenannte hypoxische Belastung wichtig.
Warum war CPAP bisher der Behandlungsstandard?

AD109: Was steckt hinter der Tablette?
AD109 kombiniert zwei Wirkstoffe: Aroxybutynin und Atomoxetin. Die Fixdosiskombination besteht aus 2,5 mg Aroxybutynin und 75 mg Atomoxetin und wird einmal täglich vor dem Schlafengehen eingenommen. Dieser Ansatz unterscheidet sich grundlegend von CPAP. CPAP hält die Atemwege von außen mithilfe von Luftdruck offen. AD109 hingegen soll die Muskeln unterstützen, die die oberen Atemwege während des Schlafs offen halten. Einfach ausgedrückt: Die Tablette soll dazu beitragen, dass der Rachen nicht so leicht zusammenfällt. Atomoxetin beeinflusst dabei die noradrenerge Signalübertragung. Aroxybutynin wirkt auf muskarinische Rezeptoren. Die Kombination soll die Aktivität und den Tonus der Muskeln der oberen Atemwege während des Schlafs steigern. Somit verfolgt AD109 einen vergleichsweise neuen Ansatz zur Behandlung von OSA: Es zielt darauf ab, nicht nur die obstruierten Atemwege zu behandeln, sondern auch einen Teil der neuromuskulären Ursache, die zum Kollaps beitragen kann.
Was ergab die groß angelegte Phase-3-Studie?
In der sogenannten SynAIRgy-Studie wurden 646 Erwachsene mit leichter, mittelschwerer oder schwerer OSA untersucht. Die Studie wurde an 69 Zentren in den USA und Kanada durchgeführt und dauerte sechs Monate. Allen Teilnehmern war gemeinsam, dass sie eine PAP-Therapie entweder nicht vertragen oder abgelehnt hatten. Etwa 35 Prozent litten an leichter OSA, 42 Prozent an mittelschwerer OSA und 23 Prozent an schwerer OSA. Die Studie war randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert – wichtige Kriterien, um die tatsächliche Wirkung eines Medikaments so zuverlässig wie möglich zu bestimmen. Das wichtigste Ergebnis betrifft den Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI).
Der AHI gibt an, wie viele vollständige Atemaussetzer und signifikante Atemabnahmen pro Stunde Schlaf auftreten. Je höher der Wert, desto schwerer ist die Schlafapnoe. Unter AD109 sank der AHI bis zur 26. Woche um 55,6 Prozent. Unter Placebo fiel die entsprechende Verringerung deutlich geringer aus. Der Unterschied zwischen den Gruppen war statistisch hochsignifikant. Auch hinsichtlich des nächtlichen Sauerstoffmangels wurde eine deutliche Wirkung beobachtet. Die sogenannte hypoxische Belastung – also die Dauer und Intensität, mit der der Körper nachts Sauerstoffmangel ausgesetzt war – sank um etwa 60,5 Prozent. Auch der Sauerstoffdesaturationsindex verbesserte sich signifikant.
Bei einigen Patienten milderte sich die Schlafapnoe deutlich
Nicht nur der durchschnittliche Effekt ist interessant. Bei 39,6 Prozent der mit AD109 behandelten Teilnehmer sank der AHI um mindestens die Hälfte. Am Ende der Studie erreichten 22,3 Prozent einen AHI von weniger als fünf Ereignissen pro Stunde – ein Bereich, der als Anzeichen für eine Kontrolle der OSA gilt. Der Effekt wurde gleichermaßen bei Menschen mit leichter, mittelschwerer und schwerer OSA beobachtet. Vergleichbare Effekte wurden auch bei Teilnehmern mit und ohne Adipositas festgestellt. Erste Verbesserungen zeigten sich bereits nach vier Wochen und hielten bis zum Ende der sechsmonatigen Studie an.
Dies ist wichtig, da Schlafapnoe kein einheitliches Krankheitsbild darstellt. Bei manchen Menschen spielt beispielsweise das Körpergewicht eine große Rolle, während bei anderen anatomische Faktoren oder die Funktion der Muskeln der oberen Atemwege ausschlaggebender sind.
Eine Tablette ist noch kein Ersatz für CPAP
Trotz der positiven Ergebnisse sollte AD109 nicht als „bessere Version von CPAP“ bezeichnet werden. CPAP bleibt eine etablierte und in Leitlinien empfohlene Behandlung. AD109 – sofern es zugelassen wird – wäre in erster Linie eine zusätzliche Option für Menschen, bei denen PAP nicht wirkt, nicht vertragen oder nicht akzeptiert wird.

Welche Nebenwirkungen traten auf?
Selbst bei einem Medikament, das als Alternative zur CPAP-Maske dienen könnte, muss die Verträglichkeit sorgfältig bewertet werden. AD109 wurde im Allgemeinen als gut verträglich beschrieben; bei einigen Patienten traten jedoch Nebenwirkungen auf. Dazu gehörten in erster Linie Mundtrockenheit, Schlaflosigkeit und Übelkeit; außerdem wurden Schwierigkeiten beim Wasserlassen berichtet. Nach Angaben des Entwicklers waren die meisten Nebenwirkungen leicht bis mittelschwer.
Etwa 21 Prozent der Teilnehmer brachen die Behandlung aufgrund von Nebenwirkungen ab. Dies ist ein wichtiger Aspekt bei einer Therapie, die auf eine chronische Erkrankung abzielt: Eine Tablette muss nicht nur wirksam sein, sondern auch langfristig gut verträglich.
Schlaflosigkeit ist in diesem Zusammenhang besonders interessant, da AD109 die nächtliche Atmung verbessern soll, ohne den Schlaf zu beeinträchtigen. Ob die Nebenwirkungen im Alltag langfristig akzeptabel sind, wird sich daher vor allem bei einer breiteren Anwendung zeigen. Sollte AD109 tatsächlich zugelassen werden, wird die Verträglichkeit neben der Wirksamkeit eine wichtige Rolle spielen.
Warum die Entwicklung dennoch bemerkenswert ist
AD109 befindet sich noch im Zulassungsverfahren und ist derzeit keine zugelassene Standardbehandlung für Schlafapnoe. Der entscheidende Schritt ist jedoch nun getan: Apnimed hat den Antrag auf Zulassung eines neuen Arzneimittels (New Drug Application, NDA) bei der FDA eingereicht, und die Behörde hat den Antrag im Juli 2026 offiziell zur Prüfung angenommen. Dies bedeutet jedoch noch keine Zulassung. Die FDA prüft nun die Wirksamkeit, die Sicherheit und das gesamte Datenpaket des Medikaments. Der ursprünglich erwartete PDUFA-Termin lag im ersten Quartal 2027. Das bedeutet, dass bereits im nächsten Jahr eine Entscheidung darüber fallen könnte, ob AD109 in den USA tatsächlich als neues Medikament zur Behandlung der obstruktiven Schlafapnoe zugelassen wird.
Die wahre Bedeutung von AD109 liegt vielleicht weniger darin, dass eine Tablette in Zukunft einfach die CPAP-Maske ersetzen wird. Interessanter ist vielmehr, dass sich unser Verständnis von Schlafapnoe wandelt. Lange Zeit wurde OSA in erster Linie als mechanisches Problem betrachtet: Während des Schlafs kollabiert der Rachen, sodass Druck ausgeübt werden muss, um ihn offen zu halten. Heute ist klarer, dass mehrere Faktoren zusammenwirken – darunter die Anatomie der oberen Atemwege, die Aktivität der Atemmuskulatur, die Steuerung der Atmung und die Reaktion des Gehirns auf Veränderungen der Atmung.
AD109 zielt auf einen dieser Faktoren ab. Sollten sich seine Vorteile in der weiteren klinischen Entwicklung bestätigen und die FDA das Medikament zulassen, könnte dies das erste Mal sein, dass eine orale Therapie verfügbar wird, die speziell auf die neuromuskulären Mechanismen der OSA abzielt. Für Patienten, die eine CPAP-Maske nicht vertragen, wäre dies eine wichtige zusätzliche Option. Eine vielversprechende Phase-3-Studie führt jedoch nicht automatisch zu einem neuen Behandlungsstandard. Erst die behördliche Prüfung und die Erfahrungen aus dem breiten Einsatz werden zeigen, welche tatsächliche Bedeutung AD109 letztendlich haben wird.






