Weitaus mehr Menschen arbeiten in Frühschichten als in Nachtschichten, doch viele leiden unter starker Müdigkeit im Zusammenhang mit einer Schichtarbeitsstörung. Dieser Zustand kann die Konzentration, die Arbeitsleistung und die Sicherheit beeinträchtigen. Eine neue klinische Studie unter der Leitung von Forschern des Mass General Brigham ergab, dass das weckfördernde Medikament Solriamfetol (Sunosi) Frühschichtarbeitern half, wacher zu bleiben. Die Ergebnisse wurden in NEJM Evidence veröffentlicht.
„Bislang hatte noch keine klinische Studie eine Behandlung für Schichtarbeitssyndrom bei Frühschichtarbeitern getestet, obwohl dies die häufigste Art von Schichtplan ist“, sagte der leitende Autor Charles A. Czeisler, PhD, MD, Leiter und Oberarzt der Abteilung für Schlaf- und circadiane Medizin in der medizinischen Fakultät von Mass General Brigham. „Diese Studie schließt eine große Lücke, indem sie sich auf die Arbeitnehmer konzentriert, die ihren Tag beginnen, wenn die meisten Menschen noch schlafen.“
Warum Frühschichten die innere Uhr des Körpers durcheinanderbringen
Etwa jeder vierte Arbeitnehmer arbeitet außerhalb der üblichen Arbeitszeiten von 9 bis 17 Uhr, darunter auch diejenigen, die sehr früh am Morgen mit der Arbeit beginnen. Viele Menschen mit solchen Arbeitszeiten betrachten sich nicht als Schichtarbeiter, sondern sehen ihren Tagesablauf einfach als einen früheren Start in den Tag als gewöhnlich. Dennoch besteht für sie ein hohes Risiko für eine Schichtarbeitsstörung, die mit gestörten Schlafmustern und anhaltender Tagesmüdigkeit einhergeht.

Gesundheits- und Sicherheitsrisiken der Schichtarbeitsstörung
Die Schichtarbeitsstörung ist weit mehr als nur ein vorübergehendes Gefühl von Müdigkeit nach einer Nachtschicht – sie stellt eine chronische Belastung für den gesamten Organismus dar und kann tiefgreifende Auswirkungen auf kognitive Leistungsfähigkeit, Sicherheit und langfristige Gesundheit haben. Im Kern entsteht sie durch die anhaltende Diskrepanz zwischen den Arbeitszeiten und dem natürlichen circadianer Rhythmus, also dem biologischen Tag-Nacht-Rhythmus des Menschen. Da dieser Rhythmus evolutionär darauf ausgelegt ist, nachts zu schlafen und tagsüber aktiv zu sein, führt die Umkehrung oder ständige Verschiebung dieser Zeiten zu einer dauerhaften inneren Desynchronisation.
Eine der unmittelbarsten Folgen ist die verminderte geistige Leistungsfähigkeit. Betroffene berichten häufig über Konzentrationsschwierigkeiten, verlangsamtes Denken und Probleme beim Treffen von Entscheidungen. Neurobiologisch lässt sich das dadurch erklären, dass Schlafmangel und zirkadiane Fehlanpassung die Aktivität im präfrontalen Cortex beeinträchtigen – also in dem Bereich des Gehirns, der für Planung, Aufmerksamkeit und Problemlösung zuständig ist. Gleichzeitig nimmt die Reaktionsgeschwindigkeit ab, und die Fehleranfälligkeit steigt. Diese Effekte sind nicht nur kurzfristig spürbar, sondern können sich bei chronischer Belastung verstärken und zu einem dauerhaften Leistungsabfall führen. Eng damit verbunden ist eine verminderte Produktivität. Wenn Aufmerksamkeit, Gedächtnis und kognitive Flexibilität eingeschränkt sind, sinkt zwangsläufig auch die Arbeitsleistung. Aufgaben dauern länger, müssen häufiger korrigiert werden oder werden unvollständig erledigt. Besonders in Berufen, die hohe Präzision erfordern – etwa im Gesundheitswesen, in der Industrie oder im Transportsektor – kann dies erhebliche Konsequenzen haben. Hinzu kommt, dass viele Betroffene durch die ständige Müdigkeit weniger motiviert sind und ein geringeres Engagement zeigen, was die Produktivität zusätzlich beeinträchtigt.
Ein besonders kritischer Aspekt ist das erhöhte Unfallrisiko, sowohl im Straßenverkehr als auch am Arbeitsplatz. Müdigkeit wirkt sich auf das Gehirn in vielerlei Hinsicht ähnlich aus wie Alkohol: Reaktionszeiten verlängern sich, die Aufmerksamkeit lässt nach, und die Fähigkeit, Risiken richtig einzuschätzen, wird eingeschränkt. Studien zeigen, dass Menschen nach einer Nachtschicht ein deutlich erhöhtes Risiko für Autounfälle haben, insbesondere auf dem Heimweg, wenn die natürliche Müdigkeit ihren Höhepunkt erreicht. Auch sogenannte „Sekundenschlaf“-Episoden, bei denen das Gehirn für wenige Sekunden in einen schlafähnlichen Zustand fällt, können auftreten – oft ohne dass die betroffene Person es bewusst wahrnimmt. Diese kurzen Aussetzer sind im Straßenverkehr oder beim Bedienen von Maschinen besonders gefährlich. Am Arbeitsplatz steigt das Risiko für Arbeitsunfälle ebenfalls erheblich. In Branchen mit körperlicher Arbeit oder komplexen technischen Abläufen kann schon ein kleiner Aufmerksamkeitsfehler schwerwiegende Folgen haben. Untersuchungen zeigen, dass Unfälle häufiger in den frühen Morgenstunden auftreten – genau dann, wenn der Körper biologisch auf Schlaf eingestellt ist. Zudem können chronische Ermüdung und Stress die Einhaltung von Sicherheitsvorschriften beeinträchtigen, weil Betroffene dazu neigen, Abkürzungen zu nehmen oder weniger sorgfältig zu arbeiten.
Langfristig verstärken sich diese Probleme oft gegenseitig. Schlafmangel führt zu kognitiven Einschränkungen, diese erhöhen das Unfallrisiko, und wiederholte Belastungen können zu chronischem Stress führen. Dieser Stress wirkt sich wiederum negativ auf den Schlaf aus, wodurch ein Teufelskreis entsteht. Zusätzlich können emotionale und psychische Faktoren hinzukommen: Reizbarkeit, verminderte Stressresistenz und sogar depressive Symptome sind bei Schichtarbeitern häufiger, was die Leistungsfähigkeit und Sicherheit weiter beeinträchtigen kann.
Wachheitsförderndes Medikament
Medikamente wie Modafinil werden manchmal zur Förderung der Wachsamkeit eingesetzt, doch diese Wirkstoffe wurden bisher hauptsächlich bei Nachtarbeitern untersucht und können den Schlaf im weiteren Tagesverlauf beeinträchtigen. Solriamfetol, das in dieser Studie untersuchte Medikament, ist bereits für die Behandlung von übermäßiger Schläfrigkeit bei Menschen mit obstruktiver Schlafapnoe und Narkolepsie zugelassen. Die Forscher hielten es für eine vielversprechende Option, da es die Wachsamkeit über längere Zeiträume fördern kann, ohne den späteren Schlaf wesentlich zu stören.

Ein wichtiger Unterschied zu älteren Wirkstoffen wie Modafinil liegt darin, dass Solriamfetol eine direktere und besser vorhersagbare Wirkung auf diese Neurotransmittersysteme hat. Während Modafinil komplexer wirkt und mehrere Systeme beeinflusst, ist Solriamfetol pharmakologisch „klarer“ ausgerichtet. Das führt dazu, dass die wachmachende Wirkung oft stärker und gleichmäßiger über den Tag anhält. Ein weiterer Vorteil, der in Studien beobachtet wurde, ist, dass Solriamfetol die Wachheit verbessert, ohne den nachfolgenden Schlaf so stark zu beeinträchtigen wie manche andere Stimulanzien. Das ist besonders wichtig bei Störungen wie der Schichtarbeitsstörung, wo das Ziel nicht nur Wachheit während der Arbeit ist, sondern auch ein möglichst erholsamer Schlaf danach.
Klinische Studie zeigt verbesserte Wachsamkeit und Leistungsfähigkeit
An der Studie nahmen 78 Frühschichtarbeiter teil, bei denen eine Schichtarbeitsstörung diagnostiziert worden war. Die Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip eingeteilt und erhielten an Arbeitstagen über einen Zeitraum von vier Wochen entweder Solriamfetol oder ein Placebo. Die Forscher bewerteten ihre Fähigkeit, in einer kontrollierten, reizarmen Umgebung während der Stunden wach zu bleiben, die ihrem typischen Arbeitsplan entsprachen. Die Teilnehmer berichteten zudem über ihre Alltagsfunktionen und trafen sich regelmäßig mit Ärzten.
Nach vier Wochen zeigten diejenigen, die Solriamfetol erhielten, deutliche Verbesserungen. Sie waren weniger schläfrig und konnten während der simulierten Arbeitszeiten länger wach bleiben. Sowohl die Teilnehmer als auch ihre Ärzte stellten eine bessere allgemeine Funktionsfähigkeit, eine verbesserte Arbeitsleistung und eine größere Fähigkeit zur Bewältigung alltäglicher Aufgaben fest. „Die beobachtete Verbesserung ist klinisch bedeutsam. Diese Arbeitnehmer konnten während einer gesamten achtstündigen Schicht wach und aufmerksam bleiben, was reale Auswirkungen auf Leistung, Sicherheit und Lebensqualität hat“, sagte Czeisler. „Schichtarbeiter sind für das Funktionieren unserer Gesellschaft unverzichtbar, zahlen jedoch oft einen versteckten biologischen Preis. Diese Studie zeigt, dass wir mehr für sie tun können.“
Die Forscher betonten, dass Frühschichtarbeiter bislang kaum untersucht wurden und die aktuelle Studie nur vier Wochen dauerte und ansonsten gesunde Erwachsene umfasste. Es sind weitere Untersuchungen erforderlich, um die Langzeitwirkungen der Behandlung zu verstehen. Das Team rekrutiert derzeit Teilnehmer für eine klinische Folgestudie zur Untersuchung von Solriamfetol bei Nachtschichtarbeitern, was dazu beitragen könnte, eine breitere Zulassung für die Behandlung von Schichtarbeitssyndrom zu erreichen.







