Unser Körper folgt einem täglichen Rhythmus. Aktivität und Ruhe wechseln sich ab, wir werden zu bestimmten Tageszeiten aktiver und kommen zu anderen Zeiten wieder zur Ruhe. Dieses Muster ist nicht zufällig. Es steht mit der biologischen Uhr und der zeitlichen Organisation zahlreicher Körperfunktionen in Verbindung. Doch könnte der persönliche Tagesrhythmus auch etwas über den Alterungsprozess verraten?
Eine im August 2026 in Nature Communications veröffentlichte Studie ist dieser Frage nachgegangen. Die Forschenden untersuchten langfristige Aktivitätsdaten von 2.222 Personen und werteten insgesamt 8.447 Personenjahre an Daten aus. Die Aktivitätsdaten stammten von Fitbit-Geräten und wurden mit einem biomarkerbasierten Maß für biologisches Alter, dem sogenannten PhenoAge, in Verbindung gebracht.
Das Ergebnis ist aus Sicht der Chronobiologie interessant: Nicht nur die Menge der körperlichen Aktivität spielte eine Rolle. Auch die Stärke, zeitliche Struktur und Regelmäßigkeit des täglichen Aktivitäts- und Ruherhythmus standen mit Merkmalen des biologischen Alterns in Zusammenhang
Was bedeutet biologisches Alter?
Das biologische Alter ist nicht dasselbe wie das Lebensalter. Zwei Menschen können beispielsweise beide 50 Jahre alt sein und dennoch unterschiedliche biologische Merkmale aufweisen. Deshalb versuchen Forschende, den Zustand des Körpers zusätzlich zum tatsächlichen Alter anhand verschiedener Biomarker zu erfassen.

In der aktuellen Studie wurde dafür unter anderem PhenoAge verwendet. Dabei werden verschiedene biologische Merkmale kombiniert, um einen Schätzwert für das biologische Alter zu erhalten.Die Forschenden untersuchten anschließend, ob bestimmte Eigenschaften des täglichen Aktivitätsrhythmus mit einer stärkeren oder geringeren Abweichung zwischen biologischem und chronologischem Alter verbunden sind.
Dabei ging es also nicht um die Frage, ob eine Smartwatch das Alter eines Menschen direkt bestimmen kann. Vielmehr wurde untersucht, ob sich in langfristigen Bewegungsdaten Muster finden lassen, die mit biologischen Alterungsmerkmalen zusammenhängen.
Die Schrittzahl erzählt nur einen Teil der Geschichte
Wenn es um Bewegung geht, denken wir häufig zuerst an die Anzahl unserer Schritte oder an die Zeit, die wir mit Sport verbringen. Für die Chronobiologie ist jedoch eine weitere Frage interessant: Wann findet die Aktivität statt?
Ein Wearable kann über längere Zeiträume erfassen, wann eine Person aktiv und wann sie eher ruhig ist. Dadurch entsteht ein Muster, das sich über den gesamten Tag hinweg betrachten lässt. Die Forschenden untersuchten deshalb verschiedene Eigenschaften des sogenannten Ruhe-Aktivitäts-Rhythmus.
Dazu gehörten unter anderem:
- die Stärke des Rhythmus,
- die zeitliche Lage der Aktivität,
- die Regelmäßigkeit von Tag zu Tag,
- und das allgemeine Ausmaß körperlicher Aktivität.
Damit wird aus der einfachen Frage „Wie viel bewegt sich jemand?“ eine chronobiologisch interessantere Frage: Wie ist die Aktivität über den Tag verteilt und wie stabil ist dieses Muster?
Ein stärker ausgeprägter Rhythmus war mit weniger beschleunigtem Altern verbunden
Besonders interessant war die sogenannte Rhythmusintensität. Vereinfacht beschreibt sie, wie deutlich sich aktive und ruhige Phasen innerhalb eines Tages voneinander unterscheiden. Die Studie fand einen Zusammenhang zwischen einer höheren Rhythmusintensität und geringeren Odds für sogenanntes beschleunigtes biologisches Altern. Die Autoren berichten dabei von 26 bis 46 Prozent niedrigeren Odds, abhängig vom jeweiligen Modell beziehungsweise der untersuchten Ausprägung des Rhythmus.
Diese Zahl sollte allerdings nicht falsch verstanden werden. Sie bedeutet nicht, dass Menschen mit einem ausgeprägteren Tagesrhythmus automatisch 26 bis 46 Prozent langsamer altern. Die Untersuchung zeigt einen statistischen Zusammenhang zwischen den untersuchten Merkmalen. Sie beweist nicht, dass ein bestimmter Aktivitätsrhythmus die Ursache für ein langsameres biologisches Altern ist. Das ist ein wichtiger Unterschied. Menschen mit bestimmten Aktivitätsmustern können sich beispielsweise auch hinsichtlich anderer Lebensstil- oder Gesundheitsfaktoren unterscheiden.
Auch die Regelmäßigkeit des Tagesrhythmus ist interessant
Neben der Stärke des Rhythmus betrachteten die Forschenden auch dessen Stabilität. Dabei geht es nicht darum, dass jeder einzelne Tag exakt gleich aussehen muss. Vielmehr ist die Frage, ob sich das grundlegende Muster von Aktivität und Ruhe über verschiedene Tage hinweg wiederholt.

Bewegung und Rhythmus sind nicht dasselbe
Die Ergebnisse machen deutlich, warum die reine Schrittzahl möglicherweise nicht die gesamte Geschichte erzählt. Zwei Menschen können beispielsweise ähnlich viele Schritte pro Tag zurücklegen und trotzdem völlig unterschiedliche Tagesmuster haben. Eine Person bewegt sich relativ regelmäßig über den Tag verteilt.
Eine andere Person ist während großer Teile des Tages wenig aktiv und hat dafür einzelne ausgeprägte Aktivitätsphasen. Die Gesamtmenge der Bewegung kann ähnlich sein, während sich die zeitliche Struktur deutlich unterscheidet. Genau diese Struktur ist für die Chronobiologie interessant. Die aktuelle Forschung deutet darauf hin, dass Aktivitätsrhythmus und körperliche Aktivität unterschiedliche Informationen über den biologischen Zustand liefern können.
Warum Wearables für die Chronobiologie interessant sind
Die Untersuchung zeigt außerdem, welche neuen Möglichkeiten moderne Wearables für die Forschung eröffnen. Traditionell lassen sich circadiane Rhythmen unter kontrollierten Bedingungen beispielsweise über Schlaf-Wach-Messungen, Körpertemperatur oder hormonelle Marker untersuchen.
Das ist wissenschaftlich wertvoll, aber aufwendig. Eine Smartwatch oder ein Fitness-Tracker kann dagegen über lange Zeiträume Daten aus dem normalen Alltag sammeln. Dadurch lassen sich Aktivitäts- und Ruhephasen über viele Tage, Monate oder sogar Jahre beobachten.

Die aktuelle Studie spricht deshalb von der Möglichkeit, solche Daten als digitale Biomarker für Alterungsverläufe zu nutzen. Das bedeutet allerdings nicht, dass eine Smartwatch heute zuverlässig das biologische Alter eines Menschen bestimmen kann. Die Forschung befindet sich hier noch in einer Entwicklungsphase. Interessant ist vielmehr die grundsätzliche Idee: Alltägliche Bewegungsdaten könnten Informationen enthalten, die für die Untersuchung von Gesundheit und Alterungsprozessen relevant sind.
Was hat das mit der inneren Uhr zu tun?
Unser Tagesrhythmus entsteht aus dem Zusammenspiel verschiedener biologischer Prozesse. Eine zentrale Rolle spielt der suprachiasmatische Nukleus im Gehirn, der als wichtiger Taktgeber des circadianen Systems gilt. Gleichzeitig besitzen zahlreiche Organe und Gewebe eigene molekulare Uhren. Diese zeitliche Organisation beeinflusst unter anderem Schlaf-Wach-Rhythmus, Hormonausschüttung, Stoffwechsel, Körpertemperatur und andere physiologische Prozesse.
Auch Aktivität und Ruhe sind in dieses System eingebunden. Wenn Forschende deshalb einen Zusammenhang zwischen dem täglichen Aktivitätsrhythmus und biologischem Altern beobachten, stellt sich eine weiterführende Frage: Spiegelt der Aktivitätsrhythmus lediglich den Lebensstil eines Menschen wider – oder enthält er auch Informationen über die Funktionsweise seiner biologischen Zeitorganisation?
Die aktuelle Studie kann diese Frage nicht abschließend beantworten. Sie zeigt jedoch, dass die zeitliche Struktur unseres Alltags möglicherweise mehr Informationen enthält, als es eine reine Betrachtung der täglichen Bewegungsmenge vermuten lässt.
Eine weitere Studie untersucht den Zusammenhang mit Entzündung
Ein weiterer Forschungsansatz aus dem Jahr 2026 beschäftigt sich mit der möglichen Verbindung zwischen Aktivitätsrhythmus, Entzündungsprozessen und Alterung. In einer im Februar 2026 in npj Aging veröffentlichten Studie wurden Daten von mehr als 62.000 Erwachsenen ausgewertet. Auch hier wurden Aktivitätsdaten aus Wearables verwendet.
Die Forschenden fanden Zusammenhänge zwischen einer geringeren Rhythmusamplitude, einer geringeren Stabilität des Tagesrhythmus und höheren Werten eines systemischen Entzündungsindex. In einem Teil der untersuchten Gruppe wurden außerdem Zusammenhänge zwischen diesen Faktoren und Mortalität untersucht.
Die Ergebnisse liefern damit einen weiteren Hinweis darauf, dass die zeitliche Organisation von Aktivität, körperliche Bewegung und Entzündungsprozesse miteinander verbunden sein könnten. Auch hier ist jedoch Vorsicht bei der Interpretation wichtig.
Die Studie beweist nicht, dass ein unregelmäßiger Tagesrhythmus unmittelbar Entzündungen verursacht oder dass eine Veränderung des Rhythmus automatisch zu einer längeren Lebensdauer führt. Die Forschenden selbst beschreiben Entzündung als einen möglichen Mechanismus innerhalb dieser Zusammenhänge.
Die Forschung verschiebt den Blick auf Bewegung
Bisher wurde körperliche Aktivität häufig vor allem unter zwei Gesichtspunkten betrachtet: Wie viel bewegen wir uns? Und wie intensiv bewegen wir uns? Die Chronobiologie ergänzt eine dritte Frage: Wann bewegen wir uns?

Die neue Forschung macht deutlich, dass auch die zeitliche Struktur von Aktivität und Ruhe wissenschaftlich relevant sein könnte .Das ist ein interessanter Perspektivwechsel. Denn unser Körper funktioniert nicht unabhängig von der Zeit. Viele biologische Prozesse verändern sich im Laufe eines Tages. Deshalb könnte auch unser Bewegungsverhalten nicht nur eine Frage der Menge, sondern teilweise eine Frage des Timings sein.
Was bedeutet das für den Alltag?
Aus der aktuellen Studie lässt sich keine einfache Empfehlung ableiten wie: „Wer jeden Tag zur gleichen Zeit Sport treibt, altert langsamer.“ Eine solche Aussage wäre durch die Daten nicht gedeckt. Die Forschung liefert vielmehr einen Hinweis darauf, dass ein regelmäßiger und ausgeprägter Tagesrhythmus ein Merkmal sein könnte, das mit bestimmten gesundheitlichen und biologischen Eigenschaften zusammenhängt.
Ob eine gezielte Veränderung des eigenen Aktivitätsrhythmus tatsächlich biologische Alterungsprozesse beeinflussen kann, muss in zukünftigen Studien untersucht werden. Für den Alltag bedeutet das vor allem: Unsere zeitliche Organisation könnte genauso interessant sein wie die reine Menge unserer Aktivität.
Die innere Uhr hinterlässt möglicherweise Spuren im Alltag
Die aktuelle Forschung verbindet zwei Bereiche, die lange Zeit häufig getrennt betrachtet wurden: Chronobiologie und Altersforschung. Das biologische Altern findet auf molekularer, zellulärer und physiologischer Ebene statt. Gleichzeitig verändert sich auch unser alltägliches Verhalten. Wearables ermöglichen es nun, diese Verhaltensebene über lange Zeiträume zu beobachten.
Vielleicht lassen sich dadurch in Zukunft Veränderungen erkennen, die bei einzelnen Messungen verborgen bleiben würden. Noch ist daraus kein persönlicher „Alterungstest“ geworden. Aber die Forschung zeigt eine interessante Richtung: Nicht nur die Menge unserer Aktivität könnte von Bedeutung sein, sondern auch ihre zeitliche Organisation.
Damit rückt eine zentrale Frage der Chronobiologie stärker in den Mittelpunkt: Wie gut ist unser Alltag zeitlich organisiert – und was kann uns dieses Muster über unseren biologischen Zustand verraten?





